Tamara Weißenstein

'Feuerkopf'

Schon ihr ganzes Leben lang wurde Tamara Weißenstein, die Tochter des Freiburger Pistolenbauers Georg Weißenstein und der avalonischen Schneiderin Elizabeth, Feuerkopf genannt und obgleich es nicht unbedingt der gewöhnlichste Spitzname für ein Mädchen war, könnten nur wenige Namen besser zu der Frau mit dem langen, roten Haar passen, das in der Sonne wie die Glut eines Vulkans aufleuchtet. Doch Tamaras Name bezieht sich noch lange nicht nur allein auf den roten Schopf, sondern auch auf ihr Wesen.
Schon als junges Mädchen war die kleine Tamara ein abenteuerlustiges Geschöpf und kletterte auf Bäumen umher, bevor sie in den Wäldern verschwand, um nach eingebildeten Monstern und glitzernden Schätzen zu suchen. Beschäftigungen, die so gar nicht zu dem zartgliedrigen Wesen mit der hellen Haut passen wollten, das eher wirkte, als würde es ein stärkerer Windhauch von den Beinen blasen. Eindeutig ein Merkmal, daß sie von ihrer Mutter erlangt hatte, ebenso wie ihre Schönheit, die von den Sidhe gegeben schien.
Sie verlebte ihre Kindheit irgendwo zwischen den beiden Nationen, denen ihre Eltern entsprungen waren und war oft auf den Schiffen unterwegs, die ihren Vater auf seinen Reisen über die Meere trugen. Obgleich es ihrer Mutter nicht ganz gefallen wollte, die das bildhübsche Mädchen mit dem ansteckenden Lachen lieber bei sich zuhause gewusst hätte, um ihr eigenes Handwerk zu lernen, unternahm sie nichts dagegen, denn sie wusste, daß Georg ihrer Tochter Maßnahmen beibringen würde, die sie auf ihren Reisen schützen würden. In der Tat beherrschte Tamara bald die Pistolen, die ihr Vater so kunstfertig herzustellen wusste und konnte sich damit sehr gut verteidigen, wenn sie auch davor zurückschreckte, auf lebendige Menschen zu schiessen.
Tamara war stets fasziniert von den fremden Nationen, die ihr Vater mit ihr erkundete, um Anregungen für seine wundervoll verzierten Pistolen zu finden und riss aus, um sich auf eigene Faust umzusehen, wann immer der Pistolenbauer nicht ausreichend auf sie acht gab und sie für wenige Minuten aus den Augen ließ. Von ihrer Mutter und ihren avalonischen Geschichten noch mit mehr Phantasie ausgestattet, als es ohnehin schon der Fall war, sah sie in jeder Begegnung das große Abenteuer und war bisher von der allgegenwärtigen Düsternis des Heimatlandes ihres Vaters verschont geblieben. Es gab also nichts, was ihr Leben überschattet hätte und so konnte sie in aller Ruhe ihre Abenteuerlust pflegen.
Doch obgleich das große Abenteuer das wichtigste für sie war, lebte auch ein anderer Teil in ihr, zwar nicht von dem anderen getrennt aber dennoch eigenständig, denn sie liebte es, ihrer Mutter zu lauschen, wenn sie Geschichten erzählte und lernte begierig alles, was mit der Vergangenheit und den Mythen der Avalonier zu tun hatte. In diesem Momenten war das junge Mädchen ganz still und bewegte sich kaum, wenn es begierig an den Lippen ihrer Mutter hing und ihrer sanften Stimme lauschte, die sie in fremde Welten entführte.
Es war keine Frage, daß Tamara also in die Ferne gezogen wurde und sich danach sehnte, selbst jene Dinge zu erleben, die sie zu lieben gelernt hatte.
Es war nicht lange nach ihrem sechszehnten Geburtstag, als sie endlich auf einen Menschen traf, der sie näher zu ihrer Bestimmung führen sollte und ihr das Leben zeigte, daß sie sich so sehr wünschte. Michael McGregor, ein Hochländer, der für die Forschergesellschaft arbeitete, fand das junge Mädchen, als sie sich in Luthon gerade mit einer Bande ungehobelter, junger Männer anlegte, die Gefallen an den feurig roten Haaren und den ebenso Funken sprühenden blauen Augen gefunden hatten und sich ihr auf eine Weise näherten, die er nicht mit ansehen konnte, ohne einzugreifen. Für eine Weile betrachtete er sich amüsiert von ihrem großen Mundwerk, wie die geschickte, junge Frau sich ihrer ‚Verehrer‘ mit eleganten Bewegungen und leichten Streichen eines Rapiers (natürlich der zuvor entwendeten Waffe ihres Vaters) erwehrte, doch er bemerkte sofort, daß sie mit der Waffe keine große Erfahrung besaß und nicht mehr lange durchhalten würde. Dennoch gab die Furie nicht auf und er musste, nachdem er sich der Männer mit seinen Fäusten entledigt hatte, etwas härtere Maßnahmen ergreifen, um das schimpfende Energiebündel auf seinen Schultern vom Schauplatz der Rauferei zu entfernen. Nicht jedoch, ohne deutliche Blessuren von ihren auf ihn eintrommelnden Fäusten und den strampelnden Beinen davonzutragen.
Nachdem er sie schließlich, ein klein wenig beruhigt, zu einer ruhigeren Örtlichkeit gebracht hatte, fand er schnell heraus, wie sehr das Mädchen auf das Abenteuer und die Entdeckung fremder Dinge brannte und es dauerte nicht lange, bis er sie für das Erbe der Syrne interessiert hatte.
Es war kein weiter Weg mehr bis zu ihrem eigenen Eintritt in die Forschergesellschaft, die jenen uralten Gegenständen nachjagte, die die Syrne erschaffen hatten und Tamara hing stets ebenso begierig an Michaels Lippen, wie zuvor an den Lippen ihrer Mutter, lernte alles, was sie wissen musste und noch einiges mehr – wie den richtigen Umgang mit einem eigenen Rapier. Der Hochländer nahm das Mädchen unter seine Fittiche, nachdem er von ihren Eltern die Erlaubnis dazu eingeholt hatte. Elisabeth und Georg waren zwar nicht allzu begeistert davon, ihre Tochter an den kräftigen Hochländer zu verlieren, doch wann immer sie versuchten, Tamara davon abzubringen, schob sie nur trotzig ihr Kinn nach vorn und es war klar, daß keine Einsicht zu erwarten war, wenn doch das Abenteuer nach ihr rief.
Doch Tamara hatte noch andere Gründe für ihre Sturheit, hatte sie doch recht großen Gefallen an dem gutaussehenden Hochländer gefunden und auch er fühlte sich von ihr angezogen, wusste jedoch ein wenig besser, daß diese Verliebtheit keine zu große Zukunft haben würde und hielt Tamara zumindest für eine Weile auf Distanz.
Als er merkte, daß es auch von seiner Seite ernster wurde, als er anzunehmen bereit war, ergriff er härtere Schritte und verschwand spurlos in der Nacht. Alles was Tamara von ihm blieb, war ein kurzer Brief, der seine Motive erklärte und ein Paar seltsam aussehender Ringe mit fremdartigen Symbolen, auf die sie sich keinen Reim machen konnte.
Nun musste die junge Frau sehen, wie sie allein zurechtkam, doch sie war fest entschlossen, sich davon nicht unterkriegen zu lassen und arbeitete unermüdlich dafür, ebenfalls endlich zu ihren eigenen Forschungen aufbrechen zu können. Michaels Ringe und die Erinnerungen an ihn bewahrte sie jedoch immer, bis zu dem schicksalshaften Tag, als ihr ein kleines Mißgeschick damit geschah. Selbst jetzt, da sie ihr achtzehntes Lebensjahr erreicht hat, hofft sie noch immer, ihm wieder zu begegnen – auch wenn er es dann nicht leicht haben wird.
Ihre andere Sorge zur Zeit ist jedoch momentan drängender, denn ihr wurde etwas ausgesprochen wichtiges gestohlen. Georg Weißenstein, der seiner Tochter ein besonderes Geschenk zu ihrer ersten, eigenen Expedition machen wollte, hatte Michaels Ringe in einem wundervollen Set aufwendig gearbeiteter Pistolen verarbeitet und seiner Tochter zu ihrem achtzehnten Geburtstag geschenkt. Tamara hütete die Waffen wie einen Schatz und ließ sie niemals aus den Augen bis zu jenem folgenschweren Tag, als ihr die neugefundene Lust an männlicher Gesellschaft zum Verhängnis wurde. In San Cristobal hatte sie jenen charmanten und fasziniernden Fechter aus dem Reich des Halbmondes angetroffen, der sich am Ende nach einigen Gläsern Wein und amüsanten Geschichten über seine Abenteuer als übler Dieb entpuppte, der die Pistolen entwendet hatte, bevor es Tamara richtig aufgefallen war – was in ihrem leicht benebelten Zustand kein großes Wunder darstellte. Nun stand sie da und Michaels Ringe, deren Bewandtnis ihr noch nicht einmal bekannt war und die Pistolen waren spurlos verschwunden, ebenso wie der gutaussehende Mann, von dem sie nur den Vornamen kannte - Jalil.
Tamara schwor, daß sie ihn finden würde, koste es was es wolle und sie ist durch nichts und niemanden von diesem Ziel abzubringen. Jalils Strafe, das weiß sie ganz sicher, wird jedenfalls alles andere als angenehm ausfallen und sie wird diejenige sein, die sie ausführt.

Tamara ist eine schöne, zart gebaute Frau mit rotem Haar und leuchtend blauen Augen. Ihre Haut ist hell und lässt sie erscheinen, als sei sie aus Porzellan, auch wenn ihr feuriges Temperament ihre Zartheit Lügen straft. Normalerweise kleidet sie sich in hohe Stiefel, Hosen und eine Bluse, über der ein enges Mieder aus Samt ihre Reize betont.
Sie ist eine recht gute Schauspielerin und vertreibt sich die Zeit, wenn sie auf dem Meer oder anderweitig unterwegs ist damit, daß sie Gedichte schreibt oder ihre Abenteuer in ihr Tagebuch einträgt. Beides sind Beschäftigungen, die sie gerne für sich behält, da sie ihre sanfte, verträumte Seite nicht gerne preisgibt.
Sie tritt nach aussen ein wenig großspurig auf und besitzt ein loses Mundwerk und eine ausgeprägte Sorglosigkeit, was ihr öfter Probleme einbringt. Das Gleiche gilt für ihre Vorliebe für schöne Männer, denen sie selten wiederstehen kann, was sie bisher jedoch noch nicht dazu gebracht hat, ihre Jungfräulichkeit aufzugeben – auch wenn sie diese Tatsache lieber für sich behält und sich sehr welterfahren gibt. Tamara lacht gerne und oft und liebt akrobatische Kunststücke und die Bewunderung, die sie dafür erntet. Sie ist sich nicht sicher, was geschieht, wenn sie Michael wiedersieht und es nagt an ihr, daß er einfach gegangen ist. Aber Tamara wäre nicht sie selbst, wenn sie sich wirklich davon beeindrucken ließe oder sich in ihrem Selbstmitleid wälzt. Sie hat am 24. Tag des Decimus 1650 in Freiburg das Licht der Welt erblickt.

Das Steuerrad 

Tamara Weißenstein

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